Klassenrat in der Grundschule

Klassenrat in der Grundschule

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Gelebte Demokratie von Anfang an

In der Grundschule geht es um weit mehr als das Erlernen des Alphabets oder das Einmaleins. Schule ist ein Lebensraum. Für viele Kinder ist die Klasse die erste große Gemeinschaft außerhalb der Familie, in der sie sich zurechtfinden müssen. Hier wird gelacht, gelernt, aber auch gestritten und verhandelt. Genau an diesem Punkt setzt der Klassenrat an. Er ist weit mehr als nur eine nette Plauderrunde am Freitagmorgen; er ist das Herzstück einer demokratischen Schulkultur. Der Klassenrat bietet ein wertvolles Instrument, um Kindern schon früh demokratische Strukturen näherzubringen, Konflikte konstruktiv zu lösen und das soziale Miteinander nachhaltig zu stärken. Doch wie etabliert man dieses Gremium erfolgreich? Was tun, wenn Erstklässler noch nicht schreiben können? Und wie viel Führung braucht es seitens der Lehrkraft? In diesem Artikel beleuchten wir das Konzept des Klassenrats umfassend – von der Theorie bis zur praktischen Umsetzung im Klassenzimmer.

Was genau ist der Klassenrat und welche pädagogischen Ziele verfolgt er?

Der Klassenrat ist eine regelmäßig stattfindende Zusammenkunft aller Schülerinnen und Schüler einer Klasse sowie der Klassenlehrkraft, meist in einem Stuhlkreis. In diesem geschützten Rahmen besprechen die Kinder eigenständig aktuelle Themen. Das können positive Erlebnisse, organisatorische Fragen, Wünsche für Ausflüge, aber auch Konflikte und Probleme sein.

Pädagogisch betrachtet ist der Klassenrat ein Hochleistungstraining für soziale und personale Kompetenzen. Die Ziele sind vielschichtig:

  • Demokratieverständnis: Kinder erleben Selbstwirksamkeit. Sie lernen, dass ihre Stimme zählt, dass sie ihren Lebensraum aktiv mitgestalten können und dass Mehrheitsentscheidungen akzeptiert werden müssen.

  • Kommunikationsfähigkeit: Freies Sprechen vor einer Gruppe, aktives Zuhören und das Formulieren von Argumenten werden hier in einem authentischen Kontext geübt.

  • Empathie und Respekt: Durch den Perspektivwechsel bei Konfliktbesprechungen lernen Kinder, Gefühle anderer wahrzunehmen und zu respektieren.

  • Verantwortungsübernahme: Durch die Vergabe fester Ämter übernehmen die Kinder Verantwortung für das Gelingen der Stunde.

Der Klassenrat ab Klasse 1: Geht das schon?

Eine häufige Sorge von Lehrkräften ist, dass Schulanfänger mit den komplexen Strukturen eines Klassenrats überfordert sein könnten. Die Erfahrung zeigt jedoch: Es funktioniert wunderbar, wenn man die Methoden altersgerecht anpasst. In der ersten Klasse steht die Ritualisierung im Vordergrund. So kann ich es empfehlen:

Zu Beginn übernimmt die Lehrkraft noch die Moderation, gibt diese aber schrittweise ab. Visuelle Unterstützung ist hier der Schlüssel. Statt eines schriftlichen Protokolls können Ergebnisse gemalt werden. Eine „Wunsch- und Meckerbox“ kann durch Symbole gefüttert werden (z. B. ein lachendes Smiley für Lob, ein Blitz für Streit). Der Ablauf sollte zeitlich gestrafft sein – 15 bis 20 Minuten reichen anfangs völlig aus, um die Konzentrationsspanne nicht zu überstrapazieren. Wichtig ist, dass die Kinder von Anfang an spüren: „Das ist unsere Zeit, hier hören wir einander zu.“

Ein exemplarischer Ablaufplan für eine gelungene Klassenratsstunde

Rituale schaffen Sicherheit. Ein fester Ablauf hilft den Kindern, sich zu orientieren und die Leitung zunehmend selbstständig zu übernehmen. Ein bewährtes Schema gliedert sich in vier bis fünf Phasen:

  • 1. Eröffnung und Begrüßung:
    Der Moderator eröffnet die Sitzung (z. B. mit einer Klangschale). Es wird geprüft, ob alle gut sitzen und bereit sind.

  • 2. Positive Runde (Lobrunde):
    Bevor Probleme gewälzt werden, wird das Positive gestärkt. „Wer hat mir diese Woche geholfen?“, „Was hat gut geklappt?“. Ein „Warme-Dusche“-Moment, der das Klassenklima hebt.

  • 3. Rückblick:
    Wurden die Beschlüsse der letzten Woche eingehalten? Hat die Lösung für das Fußball-Problem auf dem Pausenhof funktioniert?

  • 4. Aktuelle Anliegen und Diskussion:
    Hier werden die Zettel aus der Klassenratsbox vorgelesen. Themen werden gesammelt, priorisiert und diskutiert. Die Kinder suchen gemeinsam nach Lösungen und stimmen ab.

  • 5. Abschluss und Ausblick:
    Das Protokoll wird kurz zusammengefasst (oder vorgelesen). Der Moderator beendet die Sitzung, vielleicht mit einem gemeinsamen Spruch oder Spiel.

Ämter und Rollen: Verantwortung verteilen

Damit der Klassenrat nicht zur „Lehrer-Show“ wird, brauchen die Kinder feste Rollen. Diese sollten regelmäßig rotieren (z. B. monatlich oder pro Ferienabschnitt), damit jedes Kind einmal jede Verantwortung trägt – auch die stilleren Schüler.

  • Moderator/in: Leitet durch die Sitzung, erteilt das Wort und achtet auf die Einhaltung der Reihenfolge.

  • Zeitwächter/in: Achtet darauf, dass die Diskussionen nicht ausufern und behält die Uhr im Blick (z. B. mit einer Sanduhr für Redebeiträge).

  • Protokollant/in: Notiert (oder malt) die besprochenen Themen, Beschlüsse und wer welche Aufgabe übernimmt. In höheren Klassen wird dies in einem Klassenratsbuch festgehalten.

  • Regelwächter/in: Achtet darauf, dass Gesprächsregeln eingehalten werden (z. B. keine Beleidigungen, Ausreden lassen) und verteilt bei Bedarf Verwarnungen (z. B. Gelbe Karte).

  • Boxenwächter/in: Bringt die Klassenratsbox und den Schlüssel mit zum Kreis.

Materialien und Rituale, die unterstützen

Ein Klassenrat lebt von seiner besonderen Atmosphäre. Er sollte sich vom normalen Unterricht unterscheiden. Folgende Materialien helfen dabei:

  • Die Klassenratsbox: Ein Briefkasten im Klassenzimmer, in den die Kinder die ganze Woche über Zettel werfen können. Das entlastet den Unterricht („Schreib es auf, wir klären das im Klassenrat!“) und sorgt dafür, dass nichts vergessen wird.

  • Der Redestein (oder Mikrofon): Nur wer den Gegenstand hat, darf sprechen. Das visualisiert das Rederecht und bremst impulsive Zwischenrufe.

  • Die Klangschale: Ein akustisches Signal für Beginn, Ende oder Ruhephasen wirkt oft besser als lautes Rufen.

  • Die Klassenrats-Wand: Ein fester Platz im Klassenzimmer, an dem die Ämterkarten, die Regeln und das aktuelle Protokoll hängen.

Essenziell für den Erfolg: Die Gesprächsregeln

Ohne Regeln herrscht Chaos. Doch Regeln funktionieren am besten, wenn die Kinder sie selbst erarbeitet haben. Grundpfeiler eines respektvollen Miteinanders sind:

  • Wir lassen einander ausreden.

  • Wir hören aktiv zu.

  • Wir lachen niemanden aus.

  • Wir benutzen Ich-Botschaften („Ich habe mich geärgert, als…“ statt „Du bist blöd, weil…“).

  • Wir suchen Lösungen, keine Schuldigen.

  • Was im Klassenrat besprochen wird, bleibt in der Klasse (Verschwiegenheit nach außen, um den geschützten Raum zu wahren).

Konflikte konstruktiv lösen: Probleme lösen statt wegschauen

Der Klassenrat ist der Ort, an dem es auch mal unbequem werden darf. Konflikte sind willkommen, denn an ihnen wächst die Gruppe. Wichtig ist der Fokus auf die Lösung. Wenn ein Kind sich über ein anderes beschwert, sollte die Frage der Gruppe immer lauten: „Was können wir tun, damit das nicht mehr passiert?“ oder „Was brauchst du, damit es dir wieder besser geht?“.

Es geht um Wiedergutmachung statt Strafe. Wenn ein Kind beispielsweise den Turnbeutel eines anderen versteckt hat, könnte die Gruppe entscheiden, dass dieses Kind dem anderen eine Woche lang beim Tragen hilft. Solche logischen Konsequenzen, die von den Peers kommen, haben oft einen viel größeren Erziehungseffekt als eine Strafarbeit von der Lehrkraft.

Die Rolle der Lehrkraft: Vom Bestimmer zum Begleiter

Dies ist oft der schwierigste Part für Pädagogen: Sich zurücknehmen. Im Idealfall sitzt die Lehrkraft als gleichberechtigtes Mitglied im Kreis – vielleicht sogar etwas außerhalb des direkten Blickfelds des Moderators. Die Lehrkraft greift nicht inhaltlich ein, es sei denn:

  • Es werden Regeln massiv verletzt und der Regelwächter ist überfordert.

  • Ein Kind wird bloßgestellt oder gemobbt (Schutzfunktion).

  • Die beschlossenen Lösungen sind pädagogisch nicht vertretbar oder illegal.

Ansonsten gilt für uns Lehrkräfte: Aushalten. Auch wenn der Moderator stottert oder die Lösung der Kinder umständlich erscheint – lassen Sie sie machen. Nur durch eigene Erfahrungen (und auch Fehlentscheidungen, die in der nächsten Woche korrigiert werden) lernen die Kinder echte Demokratie. Wenn die Lehrkraft am Ende doch wieder entscheidet, wird der Klassenrat zur Farce und die Kinder verlieren das Interesse.

Fazit: Ein Gewinn für alle

Der Klassenrat ist keine „verlorene Unterrichtszeit“, sondern ein Gewinn für die gesamte Schullaufbahn. Er schafft ein „Wir-Gefühl“, das Ausgrenzung mindert und das Lernklima verbessert. Kinder, die sich ernst genommen fühlen, gehen lieber zur Schule und sind motivierter. Demokratie beginnt nicht erst an der Wahlurne, sondern im Sitzkreis der Grundschule – mit einem Redestein in der Hand und dem Mut, die eigene Meinung zu sagen. Trauen Sie Ihren Schülern diese Verantwortung zu, sie werden daran wachsen.

Hi! Ich bin Caro, Lehrerin und reise mit meinem Partner in unserem T4 Bulli einmal um die Welt. Hier erfährst du mehr über mich. Ich freue mich, dass du da bist! 

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